Janesch_Die goldene StadtIn der GEO habe ich zu meiner aktiven Leserzeit am liebsten die Reportagen gelesen, die sich mit Menschen beschäftigten, die einen unstillbaren Entdecker-und Abenteuerdrang hatten. Menschen, die schon vor ein, zwei, drei Jahrhunderten die noch weißen Flecken der Erde bereisten und akribisch erforschten. Meine größte Bewunderung gilt hier Charles Darwin und natürlich Alexander von Humboldt. Diese Universalgelehrtheit und der Wissensdurst in den unterschiedlichsten Bereichen finde ich faszinierend und absolut erstrebenswert. Wenn da nur noch die Ablenkungen der heutigen Zeit wären: TV und Internet.
Dieses Buch zeigte mir, wie viele weitere Abenteurer es auf dieser Welt gab und gibt, deren Namen völlig unbekannt sind. Wieder öffnet sich mir ein weites ungelesenes Feld.

Worum geht es?
2010 erschien in der Süddeutschen Zeitung ein Artikel über die faszinierende Kultstätte der Inkas: Machu Picchu. Darin wurde von der These zweier Wissenschaftler aus den USA und Peru berichtet, dass die Stadt gar nicht von Hiram Bingham, sondern bereits 40 Jahre zuvor von dem deutschen Abenteurer Augusto Berns entdeckt wurde. Das weckte das Interesse von Sabrina Janesch, die sich an die Recherche des Hintergrunds zu Augusto Berns machte, woraus letztendlich der vorliegende Roman entstand. Die historischen Eckdaten des Romans stimmen, alles dazwischen ist reine Fiktion. Es liegen keine Tagebücher oder andere private Aufzeichnungen Berns vor.
Augusto Berns wird als Rudolph August Berns 1842 in Uerdingen als Sohn eines erfolgreichen Weinhändlers geboren. Die Familie führt ein angenehmes Leben in kaufmännischem Wohlstand. Die Kinder genießen eine strenge Erziehung und hervorragende Bildung. Es ist die Zeit Alexander von Humboldts, der an seinem Epochenwerk „Kosmos“ arbeitet. Darwin hat vor einigen Jahren seine Reise mit der Beagle beendet und veröffentlichte seine Theorie. Es ist die Zeit der großen Entdeckungen, die Welt wird immer kleiner und erklärbarer. Die weißen Flecken verschwinden langsam von der Weltkarte.
Knapp volljährig reist Berns nach Peru. Ist er da schon von der Entdeckung der Inkaschätze besessen? Er findet Anstellung beim peruanischen Militär und ist bei der Schlacht von Callao, die unter „Dos de Mayo“ in die Geschichte einging, aktiv dabei. Anschließend arbeitet Berns als Ingenieur bei der Eisenbahn und zieht landvermessend durch Peru. Diese Stellung gibt er 1872 auf, um mit dem befreundeten amerikanischen Mineralogen Harry S. Singer als Entdecker durch die Cordillera Vilcabamba zu ziehen. In der holzreichen Region erwirbt er ein Stück Land, erbaut darauf eine Sägemühle und plant fortan Geld mit der Herstellung und dem Verkauf von Eisenbahnschwellen zu verdienen. Der Plan geht aufgrund der desolaten Wirtschaftslage in Peru nicht auf.
1876 entdeckt Berns die Ruinenstadt Machu Picchu, die er auf seiner Landkarte „Point Huacas de Inca“ nennt. Sie befindet sich oberhalb seines Landbesitzes. 1877 geht Berns in die USA, um seine Sägemühle zu vermarkten. Durch den peruanisch-chilenischen Krieg ist er gezwungen, einige Jahre länger als geplant in den Staaten zu verbringen. 1881 reisen Berns und Singer nach Panama. Berns wird als Ingenieur zum Bau des Panamakanals angestellt und ist am Culebra-Durchbruch tätig. Wenige Jahre später kehrt er nach Peru zurück. 1887 gründet er die Aktiengesellschaft „Huacas del Inca“, mit deren Hilfe er die vom Dschungel überwucherte Ruine freilegen und ihre Schätze bergen will. Doch kurz nach dem Verkauf der Aktien ist Berns mit dem Geld verschwunden. Seine Spur verliert sich. Es bleibt die Frage, wohin er mit dem Geld gegangen ist und was aus den Schätzen der Inkas wurde.

Worum geht es wirklich?
Es geht um die hohe Kunst einen glaubwürdigen historischen Roman zu schreiben. Die Kunst, wenige bekannte historische Eckdaten einer Person zu einer faszinierenden Geschichte zu verweben. Das ist Sabrina Janesch sehr gut gelungen, auch wenn der Beginn holprig war.
Die ersten drei bis vier Kapitel lasen sich nicht sehr flüssig. Die Erzählung der Überfahrt nach Peru per Schiff war von nautischen Fachbegriffen gespickt, die den Lesefluss doch deutlich hemmten. Eine ausgiebige Recherche ist vorbildlich, nur deren detaillierte Niederschrift nicht wirklich erforderlich. Dasselbe Problem hatte ich mit dem Kapitel zur Schlacht um Callao. Fundiertes Wissen über die verwendeten Kanonen und die Artillerie ist gut, nur für mich als Leser eines Romans völlig irrelevant zu erfahren, welche Batterien wann und wo abgeschossen wurden. Militaria-Interessierte können sich diese Details ja gerne zusätzlich aus historischen Quellen holen. Erst die Vermessung des Landes als Ingenieur der Eisenbahn und die anschließende Erkundung der Cordillera Vilcabamba brachten den erforderlichen Lesefluss und die erwartete Spannung. Dieser Teil ist wirklich hervorragend geschrieben. Man spürt förmlich die Würmer unter den eigenen Nägeln, die Stechmücken auf der Haut, die Hitze, die Anstrengung. Und dann dieses ungläubige Staunen über diese sagenhafte Landschaft und die Begeisterung für die Fähigkeiten der Inkas. Umso entsetzter war ich über Berns Plan, aus diesem Paradies durch den Bau einer Sägemühle Profit schlagen zu wollen. Schon tauchten vor dem inneren Auge Bilder von gerodetem Urwald, planierten Straßen, Bulldozern und vertriebenen Einwohner sowie verdrängten Tieren auf. Was ist doch für eine Schande, welches Unglück die Konquistadoren über diesen Kontinent gebracht haben. Die Folgen der Endeckungstouren abenteuerlicher Europäer wird in diesem Roman allerdings nicht thematisiert. Es geht hier allein um Berns und seine Geschichte.
Die letzten Kapitel flachen dann wieder etwas ab. Die Zeit am Panamakanal wird nur kurz abgehandelt. Darüber könnte man wohl auch ein eigenes Buch schreiben. Die Gründung der Aktiengesellschaft und der Verkaufsstart sind wenig emotional geschrieben. Berns Gedanken dazu, seine eigentlichen Pläne werden nicht thematisiert. Das Ende ist dagegen wieder gut gelungen. Verliert sich im wahren Leben Berns Spur plötzlich, schenkt ihm die Autorin einen Lebensabend in der Abgeschiedenheit der Cordillera Vilcabamba. Dieses Ende wünscht man ihm, denn Augusto Berns ist dem Leser sympathisch geworden.

Sabrina Janesch ist es gelungen, der historisch nahezu unbekannten Person Augusto Berns nach anfänglichen Schwierigkeiten Leben einzuhauchen. Sie hat ihm einen spannenden, nachdenklichen, wissbegierigen und abenteuerlustigen Charakter gegeben. Sein unbedingter Wille die Inkas zu verstehen und ihre Ruinen allein durch dieses Verständnis aufzuspüren macht Berns bewundernswert. Das mag vielleicht mit der Realität gar nicht übereinstimmen, aber wer weiß das schon. Es reicht, dass es genau so hätte abgelaufen sein können.
Dieser Roman macht Lust auf weitere Abenteurer. In meiner Bibliothek stehen sicher noch einige zur Auswahl. Und mit Hiram Bingham muss ich mich auch noch mal beschäftigen.

 

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