Ein angesehener Mann von Abir MukherjeeIch gebe zu, dieses Buch habe ich mir allein aufgrund des Covers gekauft. Karla Paul hat es im ARD-Mittagsmagazin vorgestellt und diese Farbgebung in hellen Goldtönen, weiß und blau gefiel mir auf Anhieb. In der Praxis enttäuschte dieses jedoch. Glitschige Sommerhände sind offenbar Gift für die Goldschrift. Schon nach wenigen Tagen waren die Buchstaben auf der Rückseite vollkommen verschwunden. Das ärgert mich sehr, gebe ich doch so penibel acht darauf, meine Bücher sorgfältig und vorsichtig zu behandeln, ohne Leseknicke und Eselsohren. Und dann das. Aber gut, am Inhalt hat dieses gestalterische Manko nichts geändert.

Worum geht es?
Kalkutta, Indien 1919. Kaum zwei Wochen im Land wird Captain Sam Wyndham mit seinem ersten Fall betraut. Ein enger Berater des britischen Lieutenant-Governor, dem mächtigsten Mann des Landes, wird ermordet in Black Town aufgefunden. Das ist höchst ungewöhnlich, handelt es sich doch um einen Stadtteil, der allein von der indischen Bevölkerung bewohnt wird. Was macht ein weißer Mann in diesem Teil Kalkuttas? Handelt es sich bei dem Mord um einen Anschlag der indischen Unabhängigkeitsbewegung? Sam Wyndham hat es mit einigen Schwierigkeiten bei der Lösung seines ersten Falls zu tun. Da ist zum einen die unerträglich tropische Hitze in der Stadt und die ungewohnten Gepflogenheiten, an die er sich noch nicht gewöhnt hat. Zum anderen ist da das Militär, das ihm immer wieder in die Ermittlung funkt. Auch die Zusammenarbeit mit dem indischen Sergeant Banerjee ist nicht ganz einfach, ist dieser doch zwischen der Unterstützung seines Volks und der Arbeit für die Kolonialmacht Großbritannien hin und her gerissen. Als es zu einer blutigen Zerschlagung einer friedlichen Versammlung der indischen Bevölkerung im Punjab kommt, drohen gewaltbereite Aufstände im ganzen Land. Ist dieser Mord nur der Auftakt eines blutigen Unabhängigkeitskriegs?

Worum geht es wirklich?
Zumindest ansatzweise geht es um die kleine Geschichte Indiens. 1919 ist Indien noch vollständig unter britischer Herrschaft. Doch es regen sich bereits erste Unabhängigkeitsbestrebungen. Hier wirft der Autor einen interessanten Gedanken auf: Wie schaffen es 150.000 Briten über 300 Millionen Inder zu herrschen? Seine Antwort: Über moralische Überlegenheit. Den Unterdrückten wird immer wieder klar gemacht, dass sie zu ihrem eigenen Vorteil beherrscht werden, da ihre eigene Kultur rückständig ist und die Herrscher besser wissen, was sie benötigen. Ein Mord an einem Vertreter der herrschenden Klasse könnte dieses ganze Konstrukt in Wanken bringen. Was würde passieren, wenn 300 Millionen Inder merken, dass die Briten ihnen gar nicht überlegen sind? Diese Illusion muss also mit aller Gewalt aufrecht gehalten werden.
Dieser Gedanke ist mir ehrlich gesagt bisher noch nie gekommen. Ich bin einfach immer von der militärischen Überlegenheit ausgegangen. Nie habe ich hinterfragt, wie es den Briten gelang, dieses Königreich aufzubauen und so lange zu halten. Dieser Abschnitt ist der kleine feine Unterschied, den ein gutes Buch ausmacht. Es hat mir einen Impuls gegeben, einen Knackpunkt zur Beschäftigung meiner Gedanken, eine Idee zur Folgeliteratur. Irgendwo steht hier doch noch „Die kleine Geschichte Englands“.

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