Lindgren_Die Menschheit hat den Verstand verlorenAstrid Lindgrens Geschichten haben mich durch meine gesamte Kindheit begleitet. Heute gebe ich sie an meine Neffen weiter, denn die Erzählungen sind zeitlos. Ich habe Abenteuer mit Pippi Langstrumpf erlebt, wünschte mir auch einen Knecht wie Anton, erlebte laue Sommerabende mit den Kindern von Bullerbü, wollte Ferien bei Bootsmann auf Saltkrokan machen und hielt Ausschau nach Karlsson vom Dach. Ich habe sie geliebt.

Lindgrens Tagebücher mussten daher gekauft und gelesen werden. Dabei habe ich gar nicht darauf geachtet, dass diese nur die Zeit des Zweiten Weltkriegs abdeckten. Ich wollte lesen, wie sie ihre Ideen entwickelte, ihre Gedanken zur Kindheit, zur Erziehung. Die Enttäuschung war daher nach den ersten Seiten groß. Astrid Lindgren schrieb nur über den Kriegsbeginn und einen banalen Familienalltag. Kein Wort von Kinderbüchern, Kindererziehung etc. So musste ich mich erstmal ganz neu auf das Buch einstellen, meine Erwartungen ändern. Das hat eine zeitlang gedauert und führte zu einer längeren Lesepause.

Nach einigen Wochen habe ich mich wieder herangewagt. Nun, unter anderen Vorzeichen habe ich die Tagebücher innerhalb weniger Tage verschlungen. Tagebücher sind ja im Grunde nicht sonderlich spannend. In der Regel werden Alltagsbanalitäten festgehalten. Genau das stellt aber auch den Reiz dar. Und es gibt einige sehr lesenswerte Exemplare, wie ich bereits von Michael Maar gelernt habe. Das zeigen auch Lindgrens Einträge. Sie schreibt über den Zweiten Weltkrieg, ihre Angst, dass Schweden hineingezogen wird, ihre Sorge um die vertrauten Nachbarländer, ihr Mitgefühl für die vielen Verfolgten und Gequälten in Europa. Sie schreibt aber ebenso über ihren ganz normalen Familienalltag, die häufigen Erkrankungen ihrer Tochter, die Schwierigkeiten ihres Sohnes in der Schule, die kriselnde Ehe und immer wieder über Familienfeste, Geburtstage, Ausflüge mit üppigen Geschenken und reichlichem Essen. Erst beim Lesen ist mir langsam bewusst geworden, dass ich zum ersten Mal über den Alltag im Zweiten Weltkrieg aus einer nicht-deutschen Perspektive lese. Dazu habe ich noch eine Menge über dieses dunkle Kapitel dazugelernt. Dass Schweden sich im Zweiten Weltkrieg als neutral erklärte, war mir bekannt. Norwegens Werdegang war mir dagegen neu. Spannend ist auch die kontroverse Diskussion über diese Neutralität, die auch bei heutigen Konflikten immer wieder aufkommt. Darf ich als neutraler Staat Flüchtlinge aus den Kriegsländern aufnehmen? Darf ich Truppentransporte und Überflüge der sich bekämpfenden Mächte durch mein Territorium gestatten? Wie reagiere ich, wenn meine Bürger zufällig Opfer des Krieges werden? Was ist die richtige Reaktion, wenn meine Schiffe im eigenen Hoheitsgebiet angegriffen werden? Lasse ich mich dadurch in den Konflikt hineinziehen? Auch in aktuellen Konflikten stellen wir uns immer wieder die Frage: Wie weit möchte ich mich beteiligen?

Für mich völlig überraschend war Lindgrens Abwägung, welchem Aggressor sie am ehesten den Sieg gönnte: Deutschland oder Russland. Sie entschied sich klar für die Deutschen als das vermeintlich kleinere Übel gegenüber dem wilden, brutalen, unberechenbaren Russland. Aus deutscher Sicht wählte man am Ende zwischen USA/England und Russland. Wobei das Urteil häufig dasselbe war: eine Entscheidung gegen die Russen.

Dänemark wurde vollkommen von den Deutschen eingenommen und verwaltet. Norwegen ist durch die eigene nationalistische unterwandert und Hitler ausgeliefert worden. Finnland litt unter den Drohungen und Angriffen Russlands. Und das neutrale Schweden rationierte lediglich die Butter.

Verwundert habe ich auch feststellen müssen, wie gut die ausländischen Medien über die Deportierung und Massenvernichtung der Juden informiert waren, während die Deutschen bis heute behaupten, sie hätten von nichts gewusst. Kann natürlich auch an der gleichgeschalteten Presse im Dritten Reich liegen.

Es war nach allen anfänglichen Schwierigkeiten doch noch ein Erlebnis, diese ganz andere Perspektive zu sehen. Ganz am Ende wurde dann meine Hoffnung auf Lindgrens Autorenleben doch noch erfüllt. Sie schreibt in den letzten Kriegsjahren für ihre Tochter „Pippi Langstrumpf“. Wie es dazu kam, muss ich aber wohl in ihrer Biografie nachlesen.

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