Seethaler_Die Biene und der Kurt2016 begann mein Lesejahr mit der wunderbaren Lektüre des Buchs „Ein ganzes Leben“ von Robert Seethaler. Darin erzählt er herzerwärmend die eigentlich ereignislose Lebensgeschichte eines Arbeiters aus den Bergen. Wer etwas so langweiliges so schön erzählen kann, wird bestimmt noch mehr Schätze veröffentlicht haben. Und so begann ich mit Seethalers Debütroman „Die Biene und der Kurt“. Der Erzählstil dieses Roadtrips ist gewöhnungsbedürftig und gefällt sicher nicht jedem. Meinen Geschmack traf er jedoch mit dem ersten Satz. Kurze Sätze, wenig Dialoge, lakonischer Ton. Perfekt für diese abgedrehte Geschichte. Schon mit seinem Debüt zeigt Seethaler sein großes Talent: Die Entwicklung vielschichtiger Charaktere und der feine Sinn für Humor.

Worum geht es?
Biene Kravcek ist ein 16-jähriges pummeliges unscheinbares Mädchen mit dicker Brille, welches in einem katholischen Mädchenwohnheim lebt. Nach einem Zusammenstoß mit einer Mitschülerin soll sie in eine Klinik eingeliefert werden, doch Biene ergreift die Flucht. Ohne Ziel, ohne Hab und Gut, mit nur wenig Geld, einfach weit weg. Von ihrem restlichen Geld kauft sie sich ein Zugticket und fährt so weit wie irgend möglich. Dann geht es zu Fuß weiter, immer noch ohne Ziel und jetzt auch ohne finanzielle Mittel. Auf ihrer Flucht trifft sie immer wieder freundliche Helfer, bis sie schließlich Kurt Heartbreakin‘ Dvorcak mit seinem Heartbreakin‘-Mobil kennenlernt. Kurt ist ein abgerockter Musiker in einem glitzernden weißen Elvisanzug, der zu viel raucht, noch mehr trinkt und mit seinem ebenfalls abgerockten Wohnwagen mit Glitzer-Discokugel durch die Dörfer tingelt und sich als Alleinunterhalter verdingt. Er ist der selbsternannte König des Schlagers und des Rock’n’Rolls und bringt in den Dorfkneipen die Herzen der Frauen zum Schmelzen. Und auch Biene ist hin und weg von seiner Vorstellung. So bleibt sie einfach bei ihm und tourt kurzerhand als Teil des neuen Showbiz-Duos Heartbreakin‘ and his Honey Bee durch die Lande. Als sie sogar als Vorband des berühmten Romantic Cowboy Teddy Taylor engagiert werden, sieht sich Kurt schon am Ziel seiner Träume: einer Farm in Tennessee. Doch das Schicksal hat einen anderen Plan mit dem skurrilen Duo.

Worum geht es wirklich?
Es geht um das Streben nach Glück, um die ewige Suche nach der Liebe. So unterschiedlich die pummelige blutjunge Biene und der abgehalfterte Altrocker Kurt auch sein mögen, in ihrem Unglück der Einsamkeit sind sie vereint. Auch wenn Kurt ohne Lebensmut wirkt und seine Träume Abend für Abend mit einer Flasche Whisky ertränkt, hat Biene doch schnell erkannt, dass seine Schlussworte nach jedem Konzert ebenso an ihn selbst gerichtet sind:

Wenn es euch schlecht geht in der kalten Welt da draußen, wenn ihr euch traurig, einsam und allein gelassen fühlt, wenn euch die Sehnsucht quält – denkt daran: Irgendwo da draußen gibt es eine kleine Melodie, eine Melodie, die euch den Weg weist! Den Weg zur Liebe. Und denkt daran, Freunde: Irgendwo da draußen wartet ein Herz auf euch…

So unterstützt sie ihn mit allen Kräften, seinen großen Traum, in die USA auszuwandern, zu verwirklichen und wünscht sich dabei verzweifelt, die große Liebe bereits gefunden zu haben.

Ein Buch zum Schmunzeln, Kichern, Lachen aber ebenso voller Melancholie und Traurigkeit. Dieser Autor wird wohl einen festen Platz in meinem Regal bekommen. Das haben nur wenige.

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