Wenn man mich fragt, welche Genres ich gerne lese, antworte ich meist „Alle, aber am liebsten Romane“. Schaut man sich dann aber meine Liste der gelesenen Bücher an, tummeln sich dort überproportional viele Krimis, Cozies und Thriller. Mein Lieblingsgenre ist dennoch der Roman. Einfacher ist es jedoch einen Krimi zu lesen. Das ist kurzzeitige Unterhaltung, gepaart mit Spannung und im Falle der Cozies auch ein wenig Humor. Nichts woran ich noch Jahre später denken müsste. Anders dagegen die Romane, bevorzugt die ganz dicken, umfangreichen Geschichten. Diese Wälzer sind für mich eine Herausforderung, denn ich tauche vollständig ein, lebe einige Zeit mit ihnen, kenne die Charaktere und ihre Marotten, fühle mit ihnen. Das ist psychische Schwerstarbeit und daher lese ich nur wenige Romane im Jahr, die aber umso intensiver. Ganz selten folgt einem guten Roman auf meiner Leseliste direkt der nächste. Man kauft sich auch nicht sofort einen neuen Hund, wenn der alte verstorben ist. Romane müssen nachhallen, verarbeitet werden, einige werden über Jahre gedanklich weitergeschrieben. Krimis, Thriller und Cozies dienen indes der Trauerarbeit. Sie machen den Kopf wieder frei für neue Geschichten.

Ganz vorne für die Ablenkung liegen da aktuell die Agatha-Raisin-Reihe, die Kluftinger-Krimis und seit Kurzem auch die Fälle von Lord Peter Wimsey und Hamish Macbeth. Sie sind amüsant, ein wenig spannend und haben nicht den Anspruch tiefschürfende Gedanken anstoßen zu wollen. Sie erledigen einfach ihre Arbeit.

Worum geht es?
Agatha Raisin kehrt nach einem halben Jahr Auszeit von den Cotswolds in ihr kleines Cottage in Carsely zurück. Ihr Nachbar James Lacey, den sie nach wie vor anhimmelt, hat in ihrer Abwesenheit eine Wandergruppe gegründet, mit der er am Wochenende über die Feldwege der Umgebung zieht. Agatha schließt sich dieser Truppe natürlich sofort an. Als ein Mitglied einer Wandertruppe aus dem Nachbarort erschlagen in einem Feld aufgefunden wird, fühlen sich Agatha und James dazu berufen, die Ermittlungen aufzunehmen. Sie geben sich als Ehepaar aus, ziehen vorübergehend zusammen in eine ansehnliche Wohnung im anderen Dörfchen und schließen sich den Wanderern an. Schnell merken sie, welch seltsame Personen sich da zusammengerauft haben. Und auch die Wanderer beäugen die Neulinge misstrauisch.

Agatha Raisin glänzt auch in dieser Folge nicht mit einer übermäßigen Begabung für die Detektivarbeit. Aber sie ist gewohnt ungehobelt, grob und unhöflich und löst den Fall wieder nur zufällig. Doch das ist sehr unterhaltsam und mehr muss diese Reihe auch nicht bieten. Es ist auch immer wieder erfrischend, Bücher zu lesen, die schon vor über 20 Jahren geschrieben wurden. Im ersten Moment fällt es einem nicht auf, Agatha ist eine moderne Frau mit einem Job in der PR-Branche, nichts ungewöhnliches. Nur durch Nebensätze wird bewusst, dass diese Geschichte in einer längst vergangenen Zeit spielt. Das fehlende Handy fällt schnell auf. Dass der Hauptverdächtige Verbindungen zur IRA hat und um die Aufdeckung fürchtet, macht dann jedoch stutzig. 2017 gibt es die IRA nicht mehr, oder sie tritt nicht mehr so in Erscheinung. In den 90ern war sie aber ein großes Problem in Großbritannien und ihre Mitglieder sowie Unterstützer lebten gefährlich. So hat es die Ablenkungslektüre doch noch geschafft, mir einen Gedankenanstoß zu geben: die jüngere Geschichte Großbritanniens.

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