Neben vielen anderen Themen interessiere ich mich sehr für Geschichte. Besonders das Thema „Deutschland 1933-1945“ beschäftigt und begleitet mich seit frühen Teenagertagen. Ich habe schon so viele Romane und Sachbücher zu dieser Zeit gelesen, dass ich es wage zu behaupten, ich kenne mich damit gut aus. Es gibt aber immer noch so viele Aspekte, die mir noch nicht bekannt sind. In diesem Jahr ist es aber mal an der Zeit, mich mit anderen Äras oder Epochen zu beschäftigen.

Mit historischen Romanen ist es bei mir aber so eine Sache. Sie werden besonders kritisch gelesen. Schon kleine historische Unstimmigkeiten können meine Stimmung von einer zur anderen Seite kippen lassen. Autoren wie Iny Lorentz kommen mir erst gar nicht ins Haus, vor Diana Gabaldon und Rebecca Gablé schrecke ich auch noch zurück. Und Ken Follett kann ich nur lesen, wenn ich mir vorher bewusst mache, dass es reine Fiktion ist. Ich möchte dabei gar nicht behaupten, dass ich historisch so bewandert bin und jeden Fehler aufdecken könnte. Mir würde, im Gegensatz zu anderen Lesern, zum Beispiel nicht auffallen, dass es die Kleidung eines Protagonisten zu der Zeit noch gar nicht gab. Wenn mir aber schon ein geschichtlicher Schnitzer auffällt, dann ist der sehr grob und ich stelle direkt alles andere in Frage. Gute Recherche ist das A und O eines historischen Romans. Geschichten über Frauen im Mittelalter, die jung, geschieden und selbstständige Apothekerin sind, fliegen daher direkt wieder aus dem Regal und der Autor wird auf Lebzeit verbannt. Historische Romane und ihre Autoren haben es also wirklich schwer bei mir.

Dieses vorliegende Buch wurde mir von einem ebenfalls historisch interessierten lesenden Kollegen geliehen, nachdem wir feststellten, dass wir ein gemeinsames Lieblingsbuch aus dieser Kategorie haben: Stephen Fry – Geschichte machen. Darin geht es um die Frage: Was wäre mit Europa passiert, wenn es Hitler nicht gegeben hätte? Ein kontrafaktischer Roman. Nicht zu verwechseln mit den alternativen Fakten der Trump-Regierung. Frys Antwort lautet: Nicht allein Hitler, sondern die aufgeladene und rassenfeindliche Stimmung der damaligen Zeit der Wirtschaftskrise führte zu der Tragödie. Hätte es Hitler nicht gemacht, wäre es ein anderer gewesen. Das hat mich vor vielen Jahren schwer beeindruckt, auch wenn ich natürlich weiß, dass es ein Gedankenspiel ist, kein Fakt. Christian von Ditfurth hat sich ebenfalls ein Gedankenspiel erlaubt.

Worum geht es?
Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht haben den Anschlag auf ihr Leben nahezu unbeschadet überlebt und treiben die kommunistische Revolution der Russen auch in Deutschland voran. Sie sind siegreich und übernehmen die Regierung in Deutschland. Doch die Unruhen, den Hunger und das Chaos haben sie noch nicht stoppen können.

Worum geht es wirklich?
Es geht um die Frage: Was wäre aus aus Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg geworden, wenn Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die führenden Ideologen der Bewegung, nicht ermordet worden wären? In Russland tobte die Revolution, in Deutschland die Weimarer Republik.

Die Antwort des Autors ist ernüchternd. Auch mit den beiden Anführern der Revolution war diese, nein, sogar die ganze Idee der Herrschaft des Proletariats über das Kapital zum Scheitern verurteilt. Die Arbeiter können sich nach von Ditfurth nicht selbst verwalten oder regieren, sie führen 6-Stunden-Tage ein, produzieren nur wenn sie Lust darauf haben, ziehen stehlend und mordend durch die Bauernschaften im Kampf gegen den Hunger. Die Wirtschaft liegt am Boden, das gesellschaftliche Leben ebenfalls. Die kommunistischen Regime, die wir bisher kannten, führten alle in die Diktatur und hatten mit der Herrschaft des Proletariats wenig zu tun. Ich habe mir daher vom Autor eine alternative Entwicklung gewünscht. Mehr Phantasie. Was hätte geschehen müssen, dass die Idee des Kommunismus funktioniert. Das sie nicht funktioniert wissen wir ja schon.

Stephen Fry hat in seinem kontrafaktischen Buch seiner Phantasie freien Lauf gelassen und eine ganz andere Welt erdacht. Das fehlt diesem Roman. Ich hab ihn daher auch mit sehr wenig Konzentration und Interesse gelesen. Es ist ein politischer Krimi mit durchaus spannender Handlung, doch für einen kontrafaktischen Roman fehlt ihm die Kreativität. Außerdem musste mir der Autor noch auf den letzten Seiten das Lesevergnügen verderben. Rosa Luxemburg verzweifelt 1919 daran, wie sie 80 Millionen Deutsche ernähren soll. Mein lieber Herr von Ditfurth, 80 Millionen Deutsche haben wir jetzt; 2017 sogar ein paar mehr. Aber ganz sicher nicht vor gut hundert Jahren und direkt nach dem Großen Krieg. So etwas ärgert mich. Ich muss jetzt alles über die Weimarer Republik nachlesen.

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