Lange bin ich um dieses Buch herumgeschlichen. Gekauft habe ich es gleich nachdem es als Taschenbuch herauskam. Doch lesen wollte ich es erst mit absoluter Ruhe und ausreichend Zeit. Ian McEwan war der Autor, der mich zum Booknerd machte. Seit der Lektüre seines Romans „Abbitte“ im Jahr 2003 beschäftige ich mich intensiv mit Büchern.Ich habe auch schon vorher gerne und viel gelesen, aber meist ziellos und willkürlich. Ich nahm alles, was mir in der Bücherei gerade in die Finger kam. Bis das zufällig Ian McEwan war und mich nachhaltig beeindruckte. Seitdem beschäftige ich mich mit Büchern und lese sie nicht nur. Ich erkundige mich über die Autoren, ihre weiteren Werke, lese Rezensionen, arbeite mich durch die Verlagsvorschauen und verschiedene Blogs, schreibe sogar seit ein paar Jahren selber an einem. Seit „Abbitte“ werden alle Romane an diesem Maßstab gemessen. Doch ich scheue mich sehr, weitere Romane von Ian McEwan zu lesen, aus Angst vor einer Enttäuschung. „Kindeswohl“ ist daher nach „Saturday“ erst der dritte Roman dieses Autors. Beide kommen nicht an „Abbitte“ heran, aber verfehlen ihn auch nur ganz knapp.

Worum geht es?
Es geht um Fiona Maye, eine Richterin am Londoner Familiengericht, Ende fünfzig, kinderlos aber seit über dreißig Jahren glücklich verheiratet. Jeden Tag entscheidet sie über das Schicksal vieler Kinder. Sie nimmt sie aus dem Elternhaus, schützt sie vor Gewalt, entscheidet über ihre schulische und hin und wieder sogar über ihre religiöse Erziehung. Das alles mehrmals am Tag, umgeben von Gutachtern, Ärzten, Anwälten. Als ihr Mann eines Tages eine schockierende Bitte an sie hat, stürzt sich Fiona wütend in den nächsten Fall. Es geht um Leben oder Tod eines 17jährigen schwerkranken Jungen.

Worum geht es wirklich?
Ian McEwan stellt in diesem Roman wichtige Fragen an die Ethik, die Moral, das Recht. Dabei ist es erstaunlich, wie logisch die Argumente beider Seiten sind. Der Autor wirft eine Frage auf, der Leser hat ziemlich schnell eine Antwort für sich gefunden und wird dann doch von den Argumenten der Gegenseite verunsichert. Diesen inneren Kampf macht der Leser ganz mit sich alleine aus. Welche Antwort richtig ist, erfährt er nicht. Darum geht es auch gar nicht. Denn auch die Urteile der Richterin werden nicht als die einzig mögliche Wahrheit dargestellt. Die souveräne Fiona Maye zweifelt immer wieder an ihren Entscheidungen.
Fragen zur Ethik werden in der Literatur viel zu oberflächlich behandelt. Oder ich lese nicht die richtigen Bücher. Mir fehlt jedenfalls ein Denker, der mir nicht vorschreibt, was richtig oder falsch ist. Sondern mir aufweist, dass die Welt eben nicht nur schwarz und weiß ist und aus vielen verschiedenen Grautönen besteht. Immer mal wieder komme ich gedanklich auf das Buch zurück und bin mir bei den Fragen nicht einig. Nur eines ist gewiss: In diesem Jahr wird mehr Ian McEwan gelesen. Ich wage es.

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