Das hier besprochene Buch stammt aus dem Rowohlt Taschenbuch Verlag. Bei Aufruf eines Tagesgewinns [es handelte sich um „Tram 83“] des Hanser-Adventskalenders 2016 bei amazon (ja, ich gebe zu, meine Wunschlisten pflege ich dort, auch wenn ich lokal kaufe) fiel mir gleich ein Buch in der Kategorie „Kunden, die diesen Artikel kauften, kauften auch…“ auf: „Onno Viets und der weiße Hirsch“ von Frank Schulz.

Genau mein Cover: eine Waldlichtung mit weißem Hirsch im Mondlicht.
Genau mein Titel: An solchen Büchern bleibe ich wie magisch kleben.

Es heißt immer „Never judge a book by its cover“, aber seien wir mal ehrlich: für den ersten Impuls der näheren Betrachtung zählen allein die äußeren Werte und zwar an erster Stelle das Cover, anschließend der Titel und erst dann muss es mich noch mit Inhalt überzeugen. Käme der Gewinner des Deutschen Buchpreises in einem schreiend bunten Design mit einem Titel der Kategorie „Herzschmerz am Balaton“ daher, würde er es nicht mal mit großem Buchpreis-Kleber in meine Hände schaffen. Hätten doch alle Bücher einfach einen einheitlichen Umschlag, dann müssten sie über ihre inneren Werte überzeugen!

Onno Viets also, genialer Name für einen Protagonisten im Hamburger Milieu. Aber „…und der weiße Hirsch“ ist bereits der letzte Teil der Trilogie. Da musste erstmal Band 1 her: Onno Viets und der Irre vom Kiez. Wieder so ein Titel, der ins Schwarze trifft. Warum er mir bisher nicht aufgefallen ist, ist mir ein Rätsel, lese ich doch gerne Regionalkrimis mit einer gewissen Spur von Humor.

Worum geht es?
Onno Viets, Mitte Fünfzig, Hartz-IV-Empfänger, Lebenskünstler aus Hamburg, grundgütig, liebenswert, wortkarg und unschlagbar an der Tischtennisplatte,  beginnt seine wohl dreißigste Berufskarriere seines Lebens: Privatdetektiv. Geplagt von Geldsorgen muss er schnell an Geld kommen. Da kommt die TV-Dokumentation über eine Detektei gerade recht. Sieht einfach aus, schnell verdientes Geld und keine Ausbildung erforderlich. Von seinem besten Freund und Tischtenniskollegen, dem Rechtsanwalt Christopher Dannewitz, wird er auch in diesem verrückten Vorhaben unterstützt und gleich mit einem ersten Fall versorgt. Mit der onno-eigenen Unbekümmertheit nimmt er diesen an und das Unglück nimmt seinen Lauf.

Worum geht es wirklich?
Um Hamburger Originale, um Freundschaft und Verrat.

Dieser erste Band der Onno-Viets-Trilogie wird in zwei Erzählsträngen aus der Sicht des Rechtsanwalts erzählt. Der erste Strang beschreibt Onnos Weg zum Pivatdetektiv und seinen ersten Fall. Der zweite beschreibt den Inhalt eines auf Youtube hochgeladenen Videos von einem Irren vom Kiez und spielt ca. 100 Tage nach Onnos erstem Fall. Der Zusammenhang beider Erzählungen wird erst ganz am Ende aufgedeckt.
Das Buch wimmelt nur so von toll entwickelten Charakteren. Da ist Onno Viets, glücklich verheiratet mit seiner Edda, mehrfach im Leben gescheitert, der sich aber immer wieder aufrappelt und von vorne beginnt ohne sein Scheitern zu beklagen. Ein sympathischer Hamburger Typ, den wenig aus der Bahn werfen kann, außer vielleicht ein paar Tauben.
Da ist sein bester Freund der Rechtsanwalt Dannewitz, der seinem verträumten Freund immer wieder aus der Klemme hilft; mit Geld, einem ausrangierten Notebook, einem Fernglas. Er unterstützt ihn auch bei den abstrusesten Berufsideen bedingungslos und voller Zuversicht.
Aber auch Tibor Tetropov, die Bestie vom Kiez, 23 Jahre alt, muskelbepackter Hüne, aggressiv, leicht reizbar, brutal und unberechenbar, hat schnell die Sympathie des Lesers auf seiner Seite. Seine Vertrauenspersonen wurden ihm schon in früher Kindheit genommen. Es folgte das Unausweichliche: Missbrauch, ein Leben auf der Straße, auf dem Kiez und schließlich im Knast.

Und genau hier setzt meine Kritik an. Frank Schulz wendet 300 Seiten dafür auf, die Sympathien des Lesers für beide Hauptpersonen, Onno und Tibor, zu wecken. Man hofft auf eine glückliche Wendung, auf ein Happy End, auf Onnos Unterstützung bei der Rettung Tibors. Da ist das tragische Ende umso schwerer zu ertragen. Onno kann nicht aus seinem Onnoversum. Ich hätte ihn an manchen Stellen schütteln können, um endlich eine andere Anwort zu bekommen als „njorp“ oder „öff, öff“. Doch er bleibt sie schuldig.

Der zweite große Schwachpunkt ist die Sprache. Freut man sich an manchen Stellen über den Ford Guano (wegen des Vogeldrecks auf dem gesamten Auto) oder das Günther-Jauch-Gymnasium in Hamburg-Eppendorf, ärgert man sich an anderen Stellen über die ausufernden Beschreibungen, die den Lesefluss immer wieder unterbrechen:

Unter festlichen Trauben von Lämpchenbeeren junge, liquide Männer, beleckt von hochbeinigen Geschöpfen auf kurzen Stelzen, deren Haarniagras aus tausendfach gestriegelter Naturseide auf die Edelsteiße niedertosten; das Rascheln der baumwollenen €uros wie ein nächtlicher Windhauch, den man bis hier herunter ans Kai roch.

Solche Einschübe haben dazu geführt, dass ich einige Tage länger für das Buch gebraucht habe als eigentlich nötig. Weniger wäre mehr gewesen.
Diese Kritik kann mich aber nicht daran hindern, auch die anderen beiden Teile der Trilogie zu lesen. Ich lese gerne Geschichten ohne Happy End, aber in diesem Fall kann es mein Leserherz nicht ertragen, dass die Geschichte von Tibor Tetropov so endet. Das kann ich nicht akzeptieren.

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