Ein Buch über ein Jahr. Das letzte Friedensjahr. Das Jahr bevor sich Europa in jahrzehntelanges Chaos stürzt. Ein Jahr voller Ereignisse:
Hitler und Stalin, die beiden größten Verbrecher des 20. Jahrhunderts, sind zur selben Zeit in Wien. Unabhängig voneinander. Noch haben sie keine Macht, noch kennen sie sich nicht. Auch der Kroate Josip Broz befindet sich in Wien. Später kehrt er in seine Heimat zurück und nennt sich Tito.

Berlin, Paris, München, Wien: die vier Frontstädte der Moderne. New Yorks Zeit kommt erst noch, ca. 35 Jahr später. In Paris arbeiten Rodin, Matisse, Picasso, Strawinsky, Proust, Chagall und viele mehr an ihren neuen großen Werken. Die Stadt der Stunde aber ist Wien. Ihre Akteure: Sigmund Freud, Arthur Schnitzler, Egon Schiele, Gustav Klimt, Adolf Loos, Karl Kraus, Otto Wagner, Hugo von Hofmannsthal, Ludwig Wittgenstein, Georg Trakl, Arnold Schönberg oder auch Oskar Kokoschka. Lou Andreas-Salomé verdreht den Männern den Kopf und bleibt doch nicht bei einem. Ebenso wie Rainer Maria Rilke, derzeit in einer Schaffenskrise und ständig unterwegs zu seinen zahlreichen Gönnerinnen. Franz Kafka ist unglücklich verliebt in Prag und leidet ebenso wie Robert Musil an Neurasthenie. Heute würde man wohl Burnout sagen.

Thomas Mann baut seine Villa in der Poschungerstraße 1 in München und schreibt nach „Die Buddenbrooks“ und „Tod in Venedig“ an seinem neuen großen Roman: „Der Zauberberg“. Die Hamburger Werft Blohm & Voss nennt ihr größtes Passagierschiff „Vaterland“. Ernst Reuter gefällt Berlin nicht. Später wird er dort Bürgermeister. Der reichste Adelige des Jahres: Fürst Henckel von Donnersmarck. James Joyce verdingt sich in Triest als Englischlehrer. Noch hat er seinen großen Roman „Ulysses“ nicht geschrieben. Und das ganze Jahr über bleibt die „Mona Lisa“, gestohlen aus dem Louvre, verschwunden.

Fazit:
Dieses Buch hat mich fasziniert. Nicht aufgrund der Sprache oder der historischen Details. Mich hat fasziniert wie der Autor diese einzelnen kleinen, für sich vielfach bekannten Anekdoten der Geschichte in einen Zusammenhang, einen Kontext bringt. So entsteht ein beeindruckendes Gesamtbild. Jahrbücher in diesem Stil kann der Autor gerne noch viele schreiben. Man braucht jedoch einen gewissen zeitlichen Abstand. Denn dass Hitler und Stalin, Tito und Lenin, zum selben Zeitpunkt in Wien verweilten, war 1925 noch gar nicht interessant. Nur 20 Jahre später aber zeigt sich die Brisanz dieser Randnotiz der Geschichte. Mir ist erst durch dieses Buch bewusst geworden, welche Zeitgenossen zur selben Zeit lebten und schafften. Heute nennen wir Thomas Mann und Berthold Brecht in einem Atemzug. Dass ersterer aber bereits am „Zauberberg“ saß, während letzterer noch ein Teenager war, der Tagebuch schrieb, wird erst bewusst, wenn man einen zeitlichen Bezug nimmt. Eine große Freude für jeden historisch Begeisterten, Gift für meine Recherche- und Leseliste.

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