Hanns-Josef Ortheil bittet zum Interview in sein hoch gelegenes Gartengelände in Stuttgart mit Blick über die Stadt. Die Interviewerin wird schlicht „Besucherin“ genannt, ihre Identität bleibt unbekannt. Sie sprechen zwei Tage über Bücher, das Lesen und das Schreiben. Herausgekommen ist ein Bücher-Menü in 12 Gängen.

In jedem Gang spricht Ortheil über einen anderen Aspekt des Lesens. So erzählt er von verschiedenen Lesetypen, von der Relevanz des richtigen Leseplatzes, der Symbiose aus Lesen, Schreiben und Sprechen. Er spricht über die Lektüre für Reisen, über das Reisen, über den Garten, Lektüre zum Tee, Bücher während des Kochens und erzählt letztendlich über die Grandseigneurs der französischen Literatur, die seinen „Lesehunger“ stark beeinflusst haben.

Jedes Menü endet mit einer ausführlichen Leseliste zum gerade besprochenen Thema. Und die ist so vielfältig, wie es einem „wilden“ Leser wie Ortheil entspricht. Man findet darauf sowohl „Power-Workout für Body & Soul“ von Robert S. Polster und „Das Vollweib-Training“ von Christine Neubauer, als auch die Tagebücher von André Gide oder Julien Greene und „Paris – ein Fest fürs Leben“ von Ernest Hemingway. Letzterer wird von Hanns-Josef Ortheil fast schon fanatisch verehrt. Seine Hymne auf Hemingway lässt den Leser direkt seine Bibliothek nach einem Buch dieses Autors absuchen und geht soweit, einen Urlaub in der Locanda Cipriani, dem bevorzugten Hotel Hemingways in Italien, zu planen.

Der „wilde“ Leser Ortheil stillt seinen Lesehunger ununterbrochen. Für ihn sind Bücher und alle Art gedruckteTexte Nahrung, die seinen Appetit stillen, diese ganz bestimmte Form eines elementaren Hungers. Dabei sollte man sich nicht an einen vorgefertigten Kanon halten. Man sollte das lesen, was gefällt, was überrascht, was beeindruckt. Ob es nun ein Bestseller aus der Bahnhofsbuchhandlung ist oder ein Buch über die Anlage eines Garten. Gut ist, was gefällt.

Fazit
Der Leser Hanns-Josef Ortheil hat mich schwer beeindruckt. Besonders seine Residenz hoch über Stuttgart. Dort befinden sich zahlreiche Leseplätze, jeder mit einer eigenen kleinen Bibliothek. Da ist das Weinberghäuschen mit den asiatischen Lieblingstiteln, mit einem weiten Blick über die Stadt, in dem der Tee eingenommen wird. Da ist das Gästehaus mit der Reiseliteratur und den Geschenken der Gäste. Denn jeder von ihnen wird gebeten ein Buch mit einer Erklärung dieser Wahl mitzubringen. Da ist das Arbeitszimmer ohne Ausblick, in welchem konzentriert geschrieben wird. Ortheil liest im Garten, im Arbeitszimmer, in der Küche, im Zug und zu jedem seiner zahlreichen ganz individuellen Leseplätze hat er die passende Lektüre. Genau das werde ich aus diesem Buch mitnehmen: Jeder Leseort bedarf seiner eigenen Bücher.

Romane brauchen Zeit und einen bequemen Sessel, man muss sich fallen lassen können, ganz in die Geschichte eintauchen. Auf Reisen sollte man sich von der Bahnhofsbuchhandlung inspirieren lassen, dort findet man neben den Bestsellern auch kleine Schätze. Bücher über die Gartenkunst, über Gewürze, Öle, Yoga, Ehen, Wandern etc. sind perfekt, um die Gedanken und zwischendurch den Blick schweifen zu lassen. Und in der Küche, beim Kochen, während man auf den Braten wartet, sollte man französische Essays oder das deutsche Pendant: Kolumnen zu sich nehmen. Ein grandioser Tipp. Derzeit läuft beim Kochen bei mir der Fernseher, da die Konzentration für einen Roman oder Krimi einfach nicht aufkommen kann. In Zukunft werde ich mir in der Küche oder beim Essen Polt, Rowohlt, de Montaigne, Martenstein, Goldt etc. gönnen. In dem Bereich bin ich noch nahezu unbewandert.

Auch wenn Ortheil schwere Gänge serviert, habe ich doch einige Impulse mitnehmen können. Und noch eines habe ich gelernt: Ich bin ein echter Leser, ein wilder Leser. Gedrucktes, egal ob Buch, Zeitung oder Magazin, stillt meinen Appetit. Dabei beschäftige ich mich nicht akribisch mit einem Text und pflücke diesen immer und immer feiner auseinander, sondern ich springe wild umher. Der Klassiker wird neben dem Krimi, das Sachbuch neben dem Roman gelesen. In der Regel lese ich einige Bücher gleichzeitig, auf dem Kindle, aus dem Regal, die GEO Epoche, einen Artikel der ZEIT, eine Leseprobe… Und jetzt werde ich nicht mehr versuchen, mich diesbezüglich zu disziplinieren. Her mit den Büchern, egal welches Genre, ich habe Appetit!

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Ein Kommentar zu „Hanns-Josef Ortheil – Lesehunger: Ein Bücher-Menü in 12 Gängen

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