moehringerWeihnachten 1969, New York. Überraschend wird der erfolgreichste Bankräuber der USA aus dem Gefängnis entlassen, nach zuletzt 17 Jahren. Ihn erwartet ein Medienspektakel. Sie reißen sich um ein Interview mit Willie „The Actor“ Sutton. Doch der gewährt nur ein einziges Interview. Den folgenden Tag verbringt er mit einem Reporter und einem Fotografen und fährt quer durch New York. Heraus kommt ein leider sehr nüchterner Bericht mit wenig Neuigkeiten. Und hier beginnt J. R. Moehringer. Er beschreibt Suttons Tour durch New York zusammen mit „Schreiber“ und „Knipser“ und erzählt was vermutlich passiert ist an diesem Tag. Was am Ende Wahrheit und was Erfindung ist, kann man nicht mehr unterscheiden, will man aber auch gar nicht. Denn am Ende wünscht man sich, dass es genau so geschehen ist wie erzählt.

Es ist der erste Weihnachtstag 1969, sieben Uhr in der Frühe, als Willie Sutton seine Tour durch New York beginnt. Begleitet von „Schreiber“, einem jungen Reporter, und „Knipser“, einem ebenso jungen Fotografen. Ihr Deal: Sie fahren die Stationen seines Lebens ab und erhalten am Ende eine Erklärung zum Schuster-Mord. Willie hat die Eckpunkte seines Lebens auf einer Karte eingezeichnet und so erfahren wir Etappe für Etappe seine Lebensgeschichte.

William Francis Sutton jr. wird am 30.06.1901 in der Gold Street in Brooklyn geboren als Kind irischer Einwanderer. Sein Kindheit war geprägt von den Quälereien seiner älteren Brüder, der stummen Armut der Eltern und seiner Freundschaft zu Edward „Buster“ Wilson und William „Happy“ Johnston. Obwohl er ein hervorragender Schüler ist, verwehren ihm seine Eltern eine höhere Schulbildung. Nach der Grundschule beginnt er daher eine Lehre in der Schmiede seines Vaters. Langsam aber sicher läuft das Auto dem Pferd als Fortbewegungsmittel den Rang ab, die Schmiede läuft immer schlechter. Willie sucht sich einen Job. Ausgerechnet eine Bank, Title Guaranty, wird erster Arbeitgeber des berühmtesten Bankräubers Amerikas. Mit der Weltwirtschaftskrise verliert er diesen jedoch wieder. Tausende sind arbeitslos. Die jungen schlecht ausgebildeten Männer haben die geringste Chance auf ein Einkommen. Willie vertrödelt seine Zeit mit seinen Freunden Eddie und Happy auf Coney Island. Dort in der Mermaid Avenue trifft er Bess, Sarah Elizabeth Endner, und verliebt sich unsterblich in sie. Eine schicksalhafte Begegnung.

Bess Vater, ein reicher New Yorker Reeder, ist gegen die Verbindung seiner Tochter mit dem irischen Nichtsnutz und verbietet ihr den Umgang. Daraufhin drängt Bess Willie dazu, die Firma ihres Vaters auszurauben und mit dem Geld durchzubrennen. Happy unterstützt die zwei. Sie knacken den Safe und flüchten mit der Beute nach Poughkeepsie. Dort verbringen sie einige wilde Tage in Saus und Braus, planen ihre Hochzeit und lassen sich treiben. Doch nach einigen Tagen fliegen die Drei auf. Happy und Willie landen im Raymond Street Jail, Bess wird von ihrem Vater nach Europa geschickt. Der Grundstein für Willies Bankräuberkarriere ist gelegt.

Nach dem Gefängnis bleibt Willie zunächst sauber, findet allerdings keinen Job und ist schnell pleite. Seine Eltern verstoßen ihn, er steht allein da. Sein Freund Eddie unterstützt ihn finanziell, kauft ihm Lebensmittel und überredet ihn schließlich ebenfalls in Docs Bande einzusteigen. Doc, ein versierter Safeknacker, raubt mit seiner Bande sehr erfolgreich Juweliere aus. Schnell wird Willie mit seinem unstillbaren Wissensdurst zu seinem besten Mann. Gemeinsam planen sie akribisch einen Raubzug nach dem anderen. Willie und Eddie leben in Saus und Braus. Doch langsam unterlaufen Doc kleine Fehler, Willie entscheidet sich auszusteigen und alleine mit Eddie weiterzumachen. Sie werden unvorsichtig und schließlich im Yankee Stadion während eines Baseballspiels geschnappt. Wieder Gefängnis.

Im Gefängnis lernt Willie die große Welt der Literatur kennen. Die Lektüre lässt ihn das Leben hinter Gittern überstehen. Er liest sich quer durch die Weltliteratur: Proust, Dante, Woolf, Dos Passos. Die „Little Blue Books“ füllen seine Zelle. Jahre später, Willie ist wieder auf freiem Fuß, findet er nach langer Suche endlich einen Job als Gartenarbeiter. Doch die nächste Wirtschaftskrise steht bereits vor der Tür. Die Gärtnerei muss geschlossen werden, Willie ist ein weiteres Mal arbeitslos. Um nicht wieder auf die schiefe Bahn zu geraten, verbringt er seine Tage in der Public Library of New York und wälzt stundenlang die Stellenanzeigen, ohne Erfolg. Dort trifft er auf Marcus, den er bereits aus dem Gefängnis kennt, und startet wieder diverse Raubzüge mit ihm. Bei ihren Überfällen auf New Yorker Banken sind sie als Wachmänner, Polizisten und Briefträger verkleidet, gehen ruhig, besonnen und gewaltlos vor. Aufgrund seiner raffinierten Verkleidungen erhält er den Namen „The Actor“. Er arbeitet mit den großen Tieren des organisierten Verbrechens zusammen, darunter Dutch Schultz. Als Willie ein weiteres Mal geschnappt wird, verrät er seine Komplizen nicht, auch nicht, als ihm die Polizei nahezu jeden Knochen gebrochen hat. Willie bleibt stumm und verdient sich somit den Respekt der Unterwelt.

Im Gefängnis gräbt er monatelang mit Mitgefangenen einen Tunnel in die Freiheit und wird Minuten später geschnappt. Doch er versucht es erneut und ist diesmal erfolgreicher. Willie flüchtet nach New York und arbeitet dort unerkannt jahrelang als Hausmeister auf Staten Island in der New York City Farm Colony, einem Krankenhaus für die Armen der Großstadt. Als er aufzufliegen droht, zieht er in die Stadt und startet wieder seine Raubzüge mit einem neuen Komplizen. Er unterzieht sich einer plastischen Operation um sein weltberühmtes Gesicht zu verändern und wird dennoch eines Tages in der U-Bahn von einem jungen Pfadfinder erkannt und an die Polizei verpfiffen. Willie wird ein letztes Mal verhaftet und geht lebenslänglich ins Gefängnis.

Am Ende der Tour sucht Willie den Schauplatz des Mordes an seinem Verräter Arnold Schuster auf. Kann er „Schreiber“ und „Knipser“ ihre wichtigste Frage beantworten: Wer hat Schuster ermordet oder ermorden lassen?
Denn dieser Mord ließ die Stimmung gegen Willie „The Actor“ kippen. Aus dem verehrten Gentleman-Bankräuber wurde der kaltblütige Verbrecher, der den Mord an seinem Verräter in Auftrag gab. Diesmal ist Willie ein gebrochener Mann und bleibt im Gefängnis, in Gesellschaft seiner Bücher.  Seine große Liebe Bess, die zwischenzeitlich einen anderen Mann geheiratet hat, sah er in den vielen Jahren häufig für wenige Stunden wieder. Doch es wurde ihnen verwehrt, ihre Liebe zu leben. Auf die Frage, warum er all die Banken ausgeraubt hat, antwortete Willie mal: „Weil dort das Geld lag. Denn im Leben zählt nur das Geld und die Liebe.“

Fazit
Dieses Buch erninnert mich stark an mein Lieblingsbuch: Ian McEwan – Abbitte, weshalb es mir wahrscheinlich so gut gefiel. Denn auch Moehringer erzählt seine ganz eigene Geschichte über diesen einen Tag. Eine Geschichte, wie er sich diese Reise vorstellt, was er sich wünscht oder vemutet, was geschah. Mit der Realität hatte es wohl wenig zu tun. Doch ebenso wie in „Abbitte“ wünscht sich auch der Leser von „Knapp am Herz vorbei“, dass die Erzählung wahr ist und nicht die Realität. Denn die Erzählung ist so viel tröstlicher, poetischer und weniger tragisch. Beide Autoren schaffen eine so starke Sympathie zu ihren Protagonisten, dass man ihnen ein anderes Schicksal wünscht. Und in beiden Erzählungen ist man daher am Ende geschockt, wenn plötzlich die Wirklichkeit aufblitzt.
Moehringer zeichnet auf der einen Seite ein Bild von Willie Sutton, das mitleiderregend ist. Ein irischer Arbeitersohn, dem die Bildung verwehrt wird und der dadurch fast zwangsläufig auf die schiefe Bahn gerät. Alles ungewollt und nur aus purer Not. Wobei er ständig an unfähige Komplizen gerät, die den Schwindel früher oder später auffliegen lassen.
Auf der anderen Seite ist dort Bess, die Frau, die Willie auf die schiefe Bahn bringt und ihn anschließend im Stich lässt. Immer wieder sucht er sich Komplizen, die ihn früher oder später ans Messer liefern. Liegt es dann nicht doch an Willie, dass seine Verbrecherkarriere immer wieder im Gefängnis endete. Vertraut er den falschen Menschen?
Egal, welche Sichtweise am Ende die richtige ist, man hat einfach Mitleid mit Willie, dem erfolgreichsten und doch gescheiterten Bankräuber der amerikanischen Geschichte, der eigentlich nur eine Arbeit gesucht hat. Jetzt möchte ich mehr wissen über diese Zeit in New York. Und natürlich alle Bücher lesen, die „The Actor“ las.

Willies Stationen in New York:

  • Startpunkt: Plaza Hotel
  • Brooklyn: Gold Street, dort ist er geboren und ausgewachsen
  • Hudson Avenue, am Hafen vertrödeln Eddie, Willie und Happy die Zeit und suchen Arbeit
  • Coney Island, Mermaid Avenue: Bess Endner tritt in sein Leben
  • Raymond Street Jail heute Kings County Criminal Justice Center
  • 53rd Street: dort wohnte Doc
  • Yankee Stadium
  • Public Library New York
  • 231 West 54th Street: Chateau Madrid, Hauptquartier von Dutch Schultz
  • Staten Island, New York City Farm Colony
  • 340 Dean Street, Brookly: letzter Wohnort
  • 54th Street: dort geschieht der Mord an Arnold Schuster
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Ein Kommentar zu „J. R. Moehringer – Knapp am Herz vorbei

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