Wir sind traurig. Wir haben keinen Fährmann mehr. Der Fährmann ist tot.

So beginnt Sasa Stanisic „Vor dem Fest“ und damit ist man auch schon mittendrin in diesem eigensinnigen Schreibstil, dieser seltsamen Geschichte.
Es ist die Nacht vor dem Fest, dem Annenfest. Der Fährmann ist tot, das halbe Dorf ist auf den Beinen. Da trifft man Herrn Schramm, einen Mann mit Haltung und Haltungsschäden, ehemaliger Oberstleutnant der NVA, der mehr Argumente gegen das Leben als gegen das Rauchen findet. Der durch die Nacht fährt, sein Leben zu beenden.

Da ist Frau Kranz, die alte Dorfmalerin, die ihr erstes Nachtbild malen möchte für das Fest. Und Anna, die ihren letzten Lauf durch das Dorf macht, bevor sie dieses Richtung Stadt und Studium verlässt. Man lernt Ditzsche kennen, den kauzigen Hühnerzüchter, der in DDR-Zeiten Postbote, vermutlich ein Stasi-Spitzel war und die Post der Dorfbewohner las. Was er nie zugegeben hat, das mit der Stasi…

Da sind Lada, der stumme Suzi und Johann, der morgen früh seine Glöcknerprüfung ablegen wird. Oder seine Mutter, Frau Schwermuth, die das Heimathaus mit all seinen Schätzen hütet wie ihren Augapfel. Doch in dieser Nacht steht plötzlich die Tür des Archivs offen und die Dorfbewohner haben weniger Angst vor dem was fehlt als vor dem, was entkommen ist: jahrhundertealte Dorfgeschichten.

Und so erfährt man Seite für Seite über das Leben der Menschen in Fürstenfelde in der Uckermark, von dem Kuriosen, dem Sonderbaren, dem Alltäglichen.

Fazit:
Das besondere dieses Buches ist nicht die Geschichte. Die hätte in ähnlicher Art und Weise in jedem anderen Dorf spielen können. Jedes Dorf hat doch seine sonderbaren ganz eigenen Feste, seine skurrilen Bewohner, seinen Tratsch. Das besondere dieses Buches ist die Sprache, der Ton, der Rhythmus. Der ist nämlich ganz eigen.
Stanisic spielt fabelhaft mit der deutschen Sprache, erzählt zugleich urkomisch und unendlich traurig. Der Rhythmus ist mit der genialen Serie „Der Tatortreiniger“ zu vergleichen.
Auf dieses Buch muss man sich einlassen, muss Zeit haben, seinen Rhythmus erstmal erspüren, um ihn mitzugehen. Dann ist es ein unglaubliches Fest. Keine Lektüre für eine 10-Minuten-Busfahrt, sondern eine Lektüre für einen 3-Stunden-Lesesessel.

Frau Schwermuth hat Wimpern, so lang und schön, und wenn sie mit ihnen blinzelt, schlägt die Finsternis Wellen.

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Ein Kommentar zu „Sasa Stanisic – Vor dem Fest

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