Der VorleserSie begegnen sich zum ersten Mal auf der Straße, in ihrem Wohnort. Er 15 Jahre alt, sie wesentlich älter. Dennoch wird sie seine erste große Leidenschaft. Sie verbringen eine intensive Zeit miteinander. Sie reizbar, launisch, unberechenbar und er ihr demütigst verfallen. Stundenlang liegt er bei ihr und liest ihr vor. Doch eines Tages ist sie spurlos verschwunden, ohne ein Wort des Abschieds.Jahre später trifft er sie plötzlich wieder, vor Gericht, angeklagt für ihre vermeintlichen Verbrechen in der NS-Zeit als sie KZ-Aufseherin war. Sie ist stolz, hochmütig und versucht verzweifelt weiterhin ihr Geheimnis zu hüten. Doch mit jedem Tag im Gerichtssaal kommt er diesem näher auf die Spur und kann nicht verstehen, wie sie lieber jegliche Schuld auf sich nimmt, statt dem Hohen Gericht ihre peinliche Schwäche zu offenbaren. Mit nahezu kriminalistischer Vehemenz geht er ihrer seltsamen großen Liebe auf die Spur und stellt sich die Frage, wie man jemanden lieben kann, der derartige Entscheidungen getroffen hat.

Fazit:

Es ist immer schwer ein ganzes Buch, in dem jeder Satz perfekt gefeilt, kein Wort überflüssig ist, in ein paar Sätzen zusammenzufassen. Dieses Buch hat mich mit seiner Sprache bereits nach wenigen Sätzen so gefangen, dass ich es kaum aus der Hand legen konnte. Und es wird nun zu einem der wenigen Bücher gehören, deren Stimme mir auch Jahre später noch im Kopf klingt. Wie es „Die Mittagsfrau“ von Julia Franck und „Abbitte“ von Ian McEwan tun. Aus solchen Büchern nimmt man einen Satz, einen Gedanken, eine Passage  mit und denkt auch Jahre später immer mal wieder darüber nach.

Aus „Der Vorleser“ habe ich die Frage „Was hätten sie denn an meiner Stelle getan?“ mitgenommen, die Hanna Schmitz dem Vorsitzenden Richter stellt, als er sie fragt, warum sie die eingeschlossenen Frauen nicht befreit habe. Eine einfache Frage, deren Antwort so leicht erscheint, im den damaligen Kontext gesetzt aber nicht mehr so simpel zu beantworten ist. Für die Generation „Gnade der späten Geburt“ ist es so leicht, die Elterngeneration für ihr Handeln oder auch für das unterlassene Handeln zu verurteilen. Doch eine Antwort auf diese Frage haben sie unter Berücksichtigung der damaligen Umstände eben auch nicht.

Vor einiger Zeit habe ich über Nele Neuhaus „Tiefe Wunden“ geschrieben, dass mich das Buch wieder auf die Geschichte der Täter aufmerksam gemacht hat, ich mich aber an der lapidaren Art und Weise der Vermittlung doch sehr gestört habe. Bernhard Schlink zeigt, wie es anders, besser geht und trifft damit punktgenau einen Nerv, der immer noch blank liegt.

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Ein Kommentar zu „Bernhard Schlink – Der Vorleser

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