Am 31.03.2015 war es endlich soweit. Denis Scheck, mein liebster Literaturkritiker, kam in meine kleine Stadt, in meine Lieblingsbuchhandlung, zum literarischen Quartett. Meine Befürchtungen, das Sturmtief Niklas würde dazu führen, dass die ganze Veranstaltung abgeblasen werden muss, war umsonst. Pünktlich um 19:30 Uhr traf er ein. Und beschwerte sich prompt darüber, dass nur zwei Stehtische bereit standen. Seine Mitstreiter waren da etwas genügsamer. Aus dem Quartett war zwar nur ein Terzett geworden, aber das machte gar nichts. Dieses bestand eben aus Denis Scheck, Literaturredakteur beim Deutschlandfunk und allseits bekannt durch seine Sendung „druckfrisch“ in der ARD, Michael Geißler, Verlagsrepräsentant des Suhrkamp Verlags und Jörg Lindenmeyer, Buchhändler. Vorab haben die drei die Aufgabe erhalten, ihr Buch des Frühjahrs zu küren und die Empfehlungen der anderen zu lesen.

Michael Geißler stellte das Buch „Gegenspiel“ von Stephan Thome vor. Dabei verzettelte er sich so sehr, dass lange nicht klar war, ob er das Buch empfiehlt oder davon abrät. Denis Scheck sprang letztendlich ein und fasste nochmal kurz zusammen, warum man sich diese Lektüre gönnen sollte. Die Geschichte ist nämlich schon einmal erzählt worden, vom selben Autor einige Jahre zuvor im Roman „Fliehkräfte“. Es geht um das Ehepaar Hartmut und Maria, deren Ehe auf der Kippe steht. „Gegenspiel“ erzählt nun die selbe Geschichte mit den selben Dialogen aus der Sicht der Ehefrau.

Das Buch des vierten fehlenden Quartettmitglieds wurde stellvertretend von der Veranstalterin vorgestellt: „Das gibts in keinem Russenfilm“ von Thomas Brussig. Sie war sehr begeistert. Das Buch ist eine fiktive Autobiograpfie Brussigs, der sich sein Leben erspinnt, ohne den Untergang der DDR. Sehr schnell war die Begeisterung aber wieder dahin, als erstmal die Anderen zu Wort kamen und es als schreckliche, ostalgische Quasselei verunglimpften.

Jörg Lindenmeyer sprach sich für „Kindeswohl“ von Ian McEwan aus. Es handelt von Fiona Maye, einer Richterin für Familienrecht am High Court in London, die sich vor schwierigen privaten und beruflichen Etnscheidungen sieht. Seit Jahren ist ein Buch Ian McEwans mein absolutes Lieblingsbuch: „Abbitte“. Seitdem möchte ich weitere Bücher von ihm lesen. Denis Scheck rät jedoch nicht unbedingt zur Lektüre. Ian McEwan sei zwar ein guter Anwärter auf den Nobelpreis für Literatur, sein aktuelles Werk sei jedoch nicht der Grund dafür. Dieses sei lediglich eine Abrechnung mit der englischen Justiz, da McEwan einen zermürbenden jahrelangen Scheidungskrieg hinter sich habe. Vielmehr empfiehlt Scheck „Solar“.

Zu guter Letzt durfte Mr. Scheck himself sein Frühjahrshighlight anpreisen: „Risiko“ von Steffen Kopetzky. Es handelt von einer Geheimexpedition des Deutschen Reichs an den Hindukusch zur Zeit des ersten Weltkriegs. Ein Roman für Abenteurer und Geschichtsinteressierte. Michael Geißler nannte ihn einen Roman für Männer, dem Frauen wenig abgewinnen können. Selbstverständlich wurde dies von Denis Scheck vehement dementiert und demonstrativ besonders den Damen nahegelegt.

Insgesamt war es eine unterhaltsame Veranstaltung mit einigen Reibereien und Meinungsverschiedenheiten des Terzetts und einem gewohnt rustikal charmanten Denis Scheck, der mit Leidenschaft über Literatur und Sprache spricht.

Im Anschluss habe ich mir direkt die Leseproben zu den vorgestellten Büchern auf den Kindle geladen. „Risiko“ hat mich sehr an einen Karl-May-Abenteuerroman erinnert und gefiel mir gut. Die 700 Seiten können mich überhaupt nicht abschrecken. Im Gegenteil. Von Hartmut und Maria möchte ich unbedingt mehr lesen. Besonders die eine Geschichte erzählt aus zwei Perspektiven interessiert mich daran. Auch „Kindeswohl“ gefiel mir. Auch ein mittelmäßiger McEwan ist immer noch besser als manch anderer Roman auf dem Markt. Nur „Das gibts in keinem Russenfilm“ wird nicht auf meiner Wunschliste landen. Allein die Leseprobe war so viel unzusammenhängende Plapperei, dass ich mir 380 weitere Seiten bestimmt nicht antun werde.

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