Seit Anfang September bin ich nun stolze Besitzerin eines Kindle Paperwhite. Mittlerweile haben wir uns aneinander gewöhnt und die Zuständigkeiten abgesteckt. Zunächst ist der Paperwhite dafür zuständig, mich mit Leseproben neuer Bücher zu versorgen. Anhand deren entscheide ich, ob das Buch auf meinem mehr als üppigen Wunschzettel etwas für mein Regal ist oder die digitale Version ausreicht. Leider gibt es diese Möglichkeit nicht für alle 800 Wunschbücher.

Doch die Hauptaufgabe des Paperwhite hat sich erst nach dessen Anschaffung gezeigt: Er versorgt mich völlig papiermülllos und in einem handlichen Format mit der ZEIT. Seit ca. 15 Jahren bin ich nun Fan dieser Wochenzeitung. Lange Zeit habe ich sie auch abboniert, bis sich irgendwann leider die ungelesenen Exemplare immer höher stapelten und im Weg waren. Gar nicht so sehr, weil die Zeit zum Lesen fehlte. Es scheiterte am Format und der Papiermenge. Um die ZEIT als Printausgabe zu lesen, benötigt man immer Platz, einen Tisch, ein großes Bett usw. und trotzdem schlafen bei der Lektüre langsam die Arme ein oder der Kopf wird schwer. Ganz anders und ein völlig neues Leseerlebnis ist es, die ZEIT auf dem Kindle zu konsumieren. Die Digitalausgabe ist, leider im Gegensatz zur Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, sehr gut auf einen Reader abgestimmt. Ich kann mir unbekannte Wörter, die jetzt nicht so selten vorkommen in der ZEIT, direkt nachschlagen, kann mir Notizen machen, mir wichtige Textpassagen markieren und ziemlich schnell in der Ausgabe navigieren. Viel angenehmer als in der großformatigen Printausgabe mühselig zu blättern.

Ergebnis: Ich habe in den letzten vier Wochen mehr ZEIT-Artikel gelesen, als in den letzten vier Jahren. Und ich genieße es, samstags und sonntags die frühen Morgenstunden wieder im Bett mit der ZEIT verbringen zu können. Den Anspruch, alle Artikel zu lesen, habe ich dabei nicht. Mein Weg führt mich immer zuerst auf die Seite 1, weiter zur „Zeit der Leser“ und zu Harald Martenstein ins ZEIT-Magazin zur langsamen Einstimmung. Dann folgt das Dossier, Geschichte, das Feuilleton und eventuell noch Wirtschaft und Politik. Dabei gefällt mir, dass mir das Feuilleton und das Dossier immer wieder neue Denkanstöße und bisher unbekannte Sichtweisen geben. Die Artikel sind hervorragend recherchiert und in einem unaufgeregten Ton geschrieben. Erstklassig sind die nebeneinander existierenden konträren Meinungen zu einem Thema. So fühle ich mich nicht in eine Meinung gedrängt, sondern zum eigenständigen Nachdenken und zur Meinungsbildung aufgefordert.

Das Dossier der aktuellen ZEIT-Ausgabe Nr. 44 behandelt das Thema Ebola. Während mir im TV und im Radio nur Angst vor einer welweiten Ausbreitung gemacht wird, erfahre ich in diesem Report, woher das hochansteckende Virus kommt, wie es übertragen wird, wie man sich schützen kann und dass es eben kein afrikanisches Problem ist. Denn das Virus ist von einem Tier, dessen Lebensraum immer kleiner wird und daher mit dem Menschen enger zusammenwächst, auf ein zweijähriges Kind übergegangen, hat sich von diesem weiter über ganz Westafrika verbreitet und bedroht langsam aber sicher auch andere Kontinente. Mit diesem Report fühle ich mich weitaus besser informiert als durch alle anderen Sondersendungen im TV zu diesem Thema.

Auch das Dossier der ZEIT Nr. 43 hat Spuren hinterlassen. Es war ein Interview mit Helmut Müller-Enbergs, dem Stasi-Forscher, über die wahren Sitzenkräfte des Geheimdienstes. Seitdem weiß ich, dass Günter Guillaume, eigentlich der einzige Stasi-Spitzel, der mir bekannt ist, nur Mittelklasse war. Der Fokus des Geheimdienstes lag nicht in der Politik, sondern in der Wirtschaft. Alle zwei Tage kamen detaillierte Infos über Interna von Siemens im Osten an. Müller-Enbergs war es auch, der veröffentlichte, dass Karl-Heinz Kurras, der den tödlichen Schuss auf Benno Ohnesorg abgab, SED-Mitglied war zu der Zeit. Ob er im Auftrag handelte ist bisher nicht erwiesen. Die Rädchen in meinem Kopf sind nun jedoch in Gang gesetzt. Ich möchte mehr wissen über diese Zeit.

Fazit: Ich kann das Misstrauen vieler Leser gegenüber Kindle, Amazon, Digitalisierung usw. verstehen. Selbst stelle ich mir auch meine liebsten Bücher gerne in meine Bibliothek. Doch für die Lektüre einer Zeitung kann ich den Reader nur wärmstens empfehlen! Das Format ist handlich, die Artikel sind ungekürzt und die Papiermüllberge sind verschwunden.

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